1. Juli 2026
Der Juli begrüsste uns genauso, wie der Juni aufgehört hatte – mit strahlendem Sonnenschein und Temperaturen, bei denen man bereits am Morgen überlegte, ob man sich nicht vorsorglich mit Sonnencreme einreiben sollte. Also genossen wir unseren Kaffee gemütlich im Schatten des Wohnmobils. Das Frühstück gab es ebenfalls draussen. Schatten war inzwischen längst kein Zufall mehr, sondern eine Wissenschaft. Bevor wir losfuhren, mussten wir dem Stellplatz noch ein kleines Kompliment machen. Die grosszügigen Parzellen, das moderne Sanitärgebäude, die Küche und die kleinen Appartements machten wirklich einen hervorragenden Eindruck. Alles wirkte neu, gepflegt und durchdacht. Nur die Grauwasserentsorgung hatte offenbar jemand geplant, der noch nie selbst ein Wohnmobil entleert hatte. Der Schacht lag nämlich so ungünstig direkt am Randstein, dass wir beim ersten Versuch eher die Umgebung als den Abfluss bewässerten. Also nochmals rangieren, ein paar Zentimeter korrigieren – und siehe da, plötzlich floss alles genau dorthin, wo es eigentlich hingehörte. Mission erfüllt. Anschliessend ging es wieder über den Feldweg zurück. Genau dieselbe Strecke wie gestern. Garmin war diesmal voller Selbstvertrauen und präsentierte uns eine angeblich perfekte Route. Tatsächlich war die Strasse hervorragend – bis wir an eine Umleitung kamen. Garmin hatte diesen kleinen Schönheitsfehler wohl vergessen zu erwähnen. Also durfte unser perfekter Weg noch um eine Viertelstunde verlängert werden. Immerhin entschädigte die Landschaft. Sanfte Hügel, saftig grüne Wiesen, Wälder und immer wieder kleine Dörfer – genau so stellt man sich gemütliches Reisen vor. Über die Autobahn ging es weiter Richtung Kolberg. Kurz vor dem Ziel legten wir einen Mittagshalt ein. Dazu fuhren wir in die Stadt zu einem Lidl, neben dem sich praktischerweise ein kostenloser Parkplatz befand. Zuerst parkten wir kurz direkt beim Lidl, inspizierten den Parkplatz nebenan und fanden dort einen deutlich besseren Platz. Schliesslich soll das Wohnmobil ja auch eine Auszeit haben. Von dort liefen wir Richtung Hafen. Bereits unterwegs gab es das erste Highlight. Eine Bahnlinie führte mitten durch die Stadt. Der Lokführer schien allerdings grossen Gefallen an seiner Hupe zu haben. An jedem einzelnen Bahnübergang ertönte ein lautes Signal. Beim ersten Mal erschraken wir beide ordentlich. Danach wurde es fast schon lustig. Man konnte den Zug akustisch durch die halbe Stadt verfolgen, lange nachdem man ihn gar nicht mehr sah. Natürlich glaubten wir, eine geniale Abkürzung zum Hafen entdeckt zu haben. Natürlich lagen wir falsch. Der erste Weg endete irgendwo am Hafenzaun. Immerhin erklärte uns ein freundlicher Mann, dass wir dort definitiv nicht weiterkämen. Also sparten wir uns wenigstens die letzten paar Meter Irrweg. Der zweite Versuch führte uns direkt zu einem Museum für Kriegsschiffe. Auch dort waren wir überzeugt, bestimmt irgendwo durchzukommen. Nein. Auch dieser Weg endete abrupt. Also marschierten wir wieder zurück, umrundeten Parkplatz und Museum und gelangten schliesslich endlich auf die richtige Hafenseite. Irgendwann kamen wir tatsächlich dort an, wo wir von Anfang an hinwollten. Manchmal dauert eine Abkürzung eben einfach etwas länger. Je näher wir dem Hafen kamen, desto touristischer wurde die Umgebung. Marktstände, Souvenirs, Imbissbuden, ein Riesenrad und zahlreiche Ausflugsboote sorgten für richtiges Ferienfeeling. Zum Mittagessen suchten wir uns ein Restaurant direkt am Hafen aus. Die Aussicht war herrlich. Das Essen... nun ja... Das alkoholfreie Bier überzeugte uns beide nicht besonders. Meine Pasta mit Poulet, Broccoli und Béchamelsauce wurde in einer Aluschale serviert, Cornelias Kotelett mit Pommes und Salat landete auf einem Kartonteller. Kulinarisch war das Ganze eher unter der Kategorie «praktisch» als «genussvoll» einzuordnen. Aber immerhin konnten wir wunderbar Leute beobachten. Direkt vor uns legten grosse Ausflugsschiffe, Piratenboote und sogar ein Wikingerboot ab. Allein das machte das Mittagessen schon fast wieder wett. Anschliessend spazierten wir weiter zum Leuchtturm und danach der Strandpromenade entlang bis zu einer Seebrücke. Dort gefielen uns die Restaurants übrigens deutlich besser. Offenbar hatten wir uns einfach das falsche ausgesucht. Für die Seebrücke bezahlten wir noch den Eintritt und schlenderten gemütlich bis ganz nach vorne. Spektakulär war sie zwar nicht, aber der Blick aufs Meer war wunderschön und allein dafür hatte sich der Spaziergang gelohnt. Danach kehrten wir zum Wohnmobil zurück und machten uns auf den Weg zu unserem nächsten Übernachtungsplatz bei Kołobrzeg. Die Fahrt verlief zunächst problemlos. Bis ungefähr fünf Kilometer vor dem Ziel. Plötzlich verwandelte sich die Strasse in eine schmale Betonplattenpiste. Einspurig. Holprig. Gegenverkehr? Lieber nicht. Wenden? Ebenfalls keine gute Idee. Wir schaukelten gemächlich weiter und erreichten schliesslich eine grosse Wiese. Das Gras war nur halb gemäht, ziemlich hoch und genau ein einzelner VW-Bus stand dort. Unser Bauchgefühl meldete sich sofort: «Nein.» Also fuhren wir weiter. Was danach folgte, war vermutlich die holprigste Strasse unserer gesamten Reise. Fünf Kilometer Schotter. Tiefe Löcher. Schrittgeschwindigkeit. Unser Wohnmobil wurde derart durchgeschüttelt, dass vermutlich sogar der Inhalt des Kühlschranks kurz die Sitzplätze wechselte. So eine Rüttelpiste hatten wir wirklich noch nie erlebt. Irgendwann tauchte endlich wieder Asphalt auf und kurz darauf unser eigentlicher Stellplatz. Der erste Eindruck war... sagen wir vorsichtig... ausbaufähig. Überall standen Wohnwagen mit polnischen Kennzeichen. Dazu eine riesige Hüpfburg, eine Strecke für Kinderquads und allgemein ziemlich viel Betrieb. Wir wendeten. Dann nochmals. Diskutierten kurz. Und entschieden schliesslich: «Jetzt sind wir schon hier.» Hinten in einer ruhigen Ecke fanden wir tatsächlich noch einen schönen Platz. Dort war es deutlich angenehmer als am Eingang. Zum Abendessen gab es für mich einen Salat mit Feta. Cornelia entschied sich für die kreative Spezialität «Einmal quer durch den Kühlschrank». Ein Reiseklassiker, der erstaunlich oft hervorragend schmeckt. Später wollten wir den Ort noch etwas erkunden. Unser Spaziergang führte zunächst Richtung Zentrum und anschliessend ans Meer. Unterwegs kamen wir an Hotels und Ferienanlagen vorbei, in denen auffallend viele Schulklassen untergebracht waren. Offenbar herrschte hier gerade Hochsaison für Klassenlager. Am Hafen angekommen spazierten wir bis ganz hinaus auf die Mole. Dort standen zahlreiche Fischer mit ihren Angelruten. Kaum waren wir angekommen, wurden gleich mehrere Fische aus dem Wasser gezogen. Wir hatten also perfektes Timing – zumindest diesmal. Natürlich lagen auch hier wieder mehrere Piratenboote vor Anker. Langsam fragten wir uns, ob Polen heimlich die höchste Piratendichte Europas besitzt. Auf dem Rückweg wollten wir gerade eine kleine Brücke überqueren, als plötzlich eine Sirene losheulte. Innerhalb weniger Sekunden war klar: Sofort runter von der Brücke! Die Brücke war nämlich beweglich und wurde geöffnet, damit ein Schiff passieren konnte. Wir beobachteten das Schauspiel gemütlich vom Ufer aus. Kaum war die Brücke auseinandergefahren, fuhr eines der Piratenschiffe hindurch zu seinem Liegeplatz. Ein zweites nutzte die Gelegenheit gleich ebenfalls, drehte hinten elegant um und machte sich wieder auf den Weg Richtung offenes Meer. Das Ganze wirkte fast wie eine perfekt einstudierte Vorführung nur für uns. Danach spazierten wir gemütlich durch die Fussgängerzone. Spielhallen, Souvenirläden, Restaurants, Imbissstände – hier gab es wirklich alles. Erstaunlicherweise schafften wir es erneut, nichts zu kaufen. Darauf waren wir fast ein bisschen stolz. Als wir bemerkten, dass die Sonne zwischen den Wolken wieder zum Vorschein kam, änderten wir spontan nochmals unsere Route und liefen zurück an den Strand. Das war die beste Entscheidung des Tages. Die Sonne näherte sich langsam dem Horizont und tauchte den Strand in wunderschönes goldenes Licht. Überall herrschte eine friedliche Abendstimmung. Wir machten unzählige Fotos und genossen einfach den Moment. Als die Sonne endgültig untergegangen war, spazierten wir zufrieden zurück zum Wohnmobil. Dort liessen wir den Abend noch gemütlich mit einem YouTube-Video ausklingen. Ein Tag mit perfekten Sonnenuntergängen, Piratenschiffen, Garmins kreativen Routenvorschlägen, einer legendären Rüttelpiste und der Erkenntnis, dass das eigene Bauchgefühl manchmal der deutlich bessere Reiseführer ist als jedes Navigationsgerät.
2. Juli 2026
Heute hiess es wieder: Motor starten und weiter Richtung Norden. Nach unserem gemütlichen Frühstück im Schatten des Wohnmobils – der inzwischen unser wichtigster Reisebegleiter geworden war – machten wir uns langsam abfahrbereit. Der Campingplatz war angenehm ruhig. Nur ein Bauer hatte offenbar beschlossen, den Arbeitstag bereits im Morgengrauen zu beginnen und lud mit viel Enthusiasmus Holz auf. Wir wussten dadurch immerhin, dass wir nicht verschlafen hatten. Nachdem der Abfall entsorgt war, ging es los Richtung Hel. Eigentlich hatten wir kurz überlegt, die Halbinsel auszulassen und direkt nach Danzig weiterzufahren. Aber wenn man schon einmal so nahe ist, muss man doch auch bis ganz vorne fahren. Zunächst führte die Strecke wieder über dieselben Strassen wie gestern zurück zur Autobahn. Erneut staunten wir darüber, wie modern und hervorragend ausgebaut die polnischen Autobahnen sind. Vieles scheint noch relativ neu zu sein und zahlreiche Rastplätze befanden sich sogar noch im Bau. Nach einer Weile verliessen wir die Autobahn kurz zum Tanken und setzten unsere Fahrt danach über die Hauptstrassen fort. Natürlich wäre es keine Reise mit Garmin gewesen, wenn unser Navigationsgerät nicht plötzlich wieder einen Geistesblitz gehabt hätte. «Ich kenne da eine super Abkürzung!» Ja... nein. Bereits am Anfang der Strasse begrüsste uns ein grosses Schild mit einer Höhenbeschränkung von 2,2 Metern. Dazu sah die Strasse eher aus wie die Zufahrt zu einem ruhigen Wohnquartier als wie eine Durchgangsstrasse für Wohnmobile. Also hiess es wieder einmal: wenden. Leichter gesagt als getan. Die Strasse war schmal, der Verkehr rege und genau dort, wo wir hätten drehen können, wollten gefühlt sämtliche Autofahrer gleichzeitig hinein. Also blockierten wir für einen kurzen Moment den Verkehr, setzten vorsichtig zurück und schafften das Wendemanöver schliesslich doch noch. Interessanterweise hupte niemand. Freundliche Gesichter sahen wir allerdings auch keine. Zurück auf der vierspurigen Hauptstrasse standen wir nun vor dem nächsten Problem. Wie kommen wir wieder in die richtige Richtung? Die Lösung war... kreativ. Über den Parkplatz eines Einkaufsladens gelangten wir auf eine Seitenstrasse und konnten dort an einer Ampel endlich korrekt abbiegen. Manchmal fühlt sich Reisen fast ein wenig wie ein Escape Room an. Der nächste Routenversuch war dann erfreulich unspektakulär. Garmin hatte seine kreativen fünf Minuten offenbar hinter sich und führte uns ganz normal über breite Hauptstrassen weiter. Am Nachmittag legten wir noch einen Zwischenhalt ein. Unser grosses Projekt des Tages lautete nämlich: Ventilkappen suchen. Ja, richtig gelesen. In zwei Baumärkten machten wir uns auf die spannende Jagd nach Ventilkappen für unsere Reifen. Im zweiten Markt wurden wir tatsächlich fündig. Zwar waren sie silbern statt schwarz, aber das spielte keine grosse Rolle. Hauptsache, alle Räder hatten nun endlich wieder passende Kappen. Und ehrlich gesagt – nach ein paar hundert Kilometern sehen sie ohnehin nicht mehr silbern aus. Anschliessend kauften wir noch im Aldi ein. Das Mittagessen genossen wir ganz gemütlich auf dem Parkplatz. Es gab wieder einmal ein kaltes Picknick mit Laugenbrötchen – einfach, praktisch und genau richtig für unterwegs. Nun ging es endgültig auf die Halbinsel Hel. Je näher wir kamen, desto dichter wurde der Verkehr. Die Strassen waren voll, die Parkplätze ebenfalls und auch die Campingplätze, an denen wir vorbeifuhren, platzten beinahe aus allen Nähten. Offenbar hatten nicht nur wir die Idee gehabt, ans Meer zu fahren. Die Fahrt über die Halbinsel war trotzdem wunderschön. Links und rechts begleiteten uns dichte Wälder, zwischendurch tauchten immer wieder grössere Ferienorte auf, in denen sich Touristen durch die Strassen schoben. Auf dem Wasser tummelten sich unzählige Kitesurfer, deren bunte Schirme über dem Meer tanzten. Schliesslich erreichten wir Hel und fuhren direkt auf den Campingplatz, den wir bereits ausgesucht hatten. Dort gab es keine klassischen Parzellen. Jeder stellte sich einfach dorthin, wo gerade Platz war. Zum Glück fanden wir noch eine freie Fläche neben einem kleinen Baum. Schatten deluxe – zumindest für ungefähr zwei Stunden am Tag. Kaum standen wir, brauchten wir allerdings beide erst einmal einen kleinen Moment für uns. Manchmal sieht man die Dinge eben unterschiedlich. Nach einer kurzen Pause war aber alles wieder gut und wir machten uns gemeinsam auf den Weg, den Ort zu erkunden. Unser erster Weg führte zum Hafen. Dort erwartete uns eine schöne Promenade und zahlreiche alte Fischerboote, die heute als Ausflugsboote dienten. Auf den Decks standen Tische und Stühle – eigentlich schwimmende Restaurants. Wir spazierten ein Stück auf der Hafenmauer hinaus, kehrten aber ungefähr auf halber Strecke wieder um. Danach ging es weiter Richtung Landzunge. Natürlich reihten sich auch hier Souvenirläden, Imbissstände und allerlei touristische Attraktionen aneinander. Anschliessend führte unser Weg durch einen Wald. Dort entdeckten wir mehrere alte Bunker, zu denen immer wieder Informationstafeln aufgestellt waren. Kurz darauf erreichten wir einen schönen Holzsteg und spazierten anschliessend am Strand entlang bis ganz zur Spitze der Halbinsel – dorthin, wo die Gewässer aufeinandertreffen. Ganz ehrlich? Spektakulär war es jetzt nicht unbedingt. Aber wenn man schon einmal am Ende Polens steht, dann muss man natürlich auch bis ganz nach vorne laufen. Die kleinen Wellen, die aus zwei Richtungen aufeinandertrafen, sahen trotzdem hübsch aus. Nach einer Weile kehrten wir um, liefen wieder über den Steg zurück und machten uns durch den Wald auf den Weg zum nächsten Ziel – dem Leuchtturm. An einer Kreuzung bogen wir nach rechts ab. Und plötzlich stand sie da. Eine Wildsau. Direkt hinter einem Bauzaun. Andere Besucher fütterten sie sogar mit einer Banane. Wir dachten zuerst noch: «Ach, die ist bestimmt eingezäunt.» Ein kurzer Blick zeigte allerdings etwas anderes. Der Bauzaun hörte wenige Meter später einfach auf. Mit offenem Durchgang. Unser Gedanke wechselte augenblicklich zu: «Nichts wie weg!» Wir gingen zügig weiter und kamen an einem grossen Appartementhaus vorbei. Kaum hatten wir dieses passiert, hörten wir plötzlich wieder ein Rascheln im Wald. Diesmal allerdings ohne Zaun. Zwischen den Büschen tauchte erneut eine Wildsau auf. Und diesmal hatte sie ungefähr vier kleine Frischlinge dabei. Für einen kurzen Moment blieben wir stehen und beobachteten die kleine Familie. Fotos? Fehlanzeige. Videos? Ganz sicher nicht. In solchen Momenten denkt man irgendwie nicht mehr ans perfekte Bild. Als die Tiere uns bemerkten, verschwanden sie glücklicherweise wieder im Dickicht. Zur Sicherheit bewaffneten wir uns danach mit je zwei kleinen Stöcken. Ob diese gegen eine ausgewachsene Wildsau geholfen hätten? Wahrscheinlich ungefähr gleich viel wie ein Zahnstocher gegen einen Panzer. Aber unser Sicherheitsgefühl stieg dadurch trotzdem beträchtlich. Zum Glück wurde der Wald danach wieder offener. Der letzte Abschnitt führte über einen schmalen Waldweg direkt zum Leuchtturm. Dort angekommen machten wir einige Fotos und gönnten uns in einem kleinen Restaurant zwei Waffeln. Cornelia wollte unbedingt einmal diese Spezialität probieren. Sagen wir es diplomatisch: Jetzt wissen wir, wie sie schmecken. Und damit können wir diesen Programmpunkt guten Gewissens abhaken. Anschliessend spazierten wir gemütlich zurück zum Wohnmobil. Dort verbrachten wir den restlichen Abend ganz entspannt. Ich plante noch unsere weitere Route und schrieb danach wie gewohnt Tagebuch. Eigentlich wollten wir später nochmals ins Dorf laufen. Doch mein Fuss meldete sich langsam, das Wetter wurde zunehmend bewölkt und zwischendurch fielen sogar ein paar Regentropfen. Also beschlossen wir, den Abend lieber gemütlich am Wohnmobil ausklingen zu lassen. Ein Tag mit Garmins fragwürdigen Abkürzungen, Kitesurfern, Piratenbooten, Wildschweinen mit Nachwuchs und zwei kleinen Stöcken, die uns zwar vermutlich nicht gerettet hätten – uns aber trotzdem das Gefühl gaben, bestens auf jedes Abenteuer vorbereitet zu sein.
3. Juli 2026
Heute spielte das Wetter wieder einmal «Ich weiss auch nicht, was ich will». Fünf Minuten Sonnenschein, zehn Minuten Regen, dann wieder Sonne – der Himmel wechselte seine Meinung öfter als Garmin die Route. Nach dem Frühstück spazierten wir deshalb noch einmal nach Hel ins Dorf. Wir hatten noch ein paar Sehenswürdigkeiten auf unserer Liste, die wir vor der Weiterfahrt abhaken wollten. Zuerst ging es zum Bahnhof. Dort befindet sich ein kleiner Park mit grossen geschnitzten Holzfiguren. Eine komplette Blaskapelle in Originalgrösse stand dort aus Holz herum, daneben ein riesiges Gebilde, das aussah wie eine Mischung aus Töff, Raumschiff und Erfinderwerkstatt. Ehrlich gesagt hatten wir keine Ahnung, was es darstellen sollte, aber beeindruckend war es allemal. Dazu gab es überall Holzbänke mit geschnitzten Figuren, sodass sogar das Sitzen hier kulturell wurde. Danach liefen wir weiter zum Strand. Dort führte ein schöner Holzsteg hinaus, auf dem immer wieder Sitzgelegenheiten in halb verglasten Pergolen eingebaut waren. Fast ein bisschen Wellness für Spaziergänger. Am Ende wartete dann ein Walskelett auf uns. Direkt daneben stand auch noch ein Wal in Lebensgrösse – vermutlich aus Kunststoff. Für einen kurzen Moment wussten wir nicht, wer von beiden echter aussah. Anschliessend ging es wieder zurück Richtung Dorfzentrum. Unterwegs kamen wir an einem kleinen Park vorbei, wo Seehund-Shows angeboten wurden. Wir verzichteten allerdings darauf, den Seehunden bei der Arbeit zuzuschauen und suchten stattdessen eine Fischfigur, die wir irgendwo auf einem älteren Foto entdeckt hatten. Das Problem: Niemand wusste mehr, wo sie stand. Wir fragten sogar nach, doch alle zuckten nur mit den Schultern. Unsere Vermutung: Die Fischfigur ist entweder ausgewandert oder bei der Neugestaltung der Promenade pensioniert worden. Langsam machten wir uns wieder auf den Rückweg zum Wohnmobil. Pünktlich dazu begann es natürlich erneut zu regnen. Eigentlich wollten wir unterwegs noch den Kitesurfern zuschauen und vielleicht sogar einmal von einer Seite der schmalen Halbinsel zur anderen laufen – an manchen Stellen dauert das nur wenige Minuten. Aber bei Regen macht das ungefähr gleich viel Spass wie ein Grillabend unter der Dusche. Also liessen wir diesen Plan bleiben und machten uns direkt auf den Weg Richtung Danzig. Kaum hatten wir die Halbinsel verlassen, begann das nächste Abenteuer: Verkehr. Viel Verkehr. Sehr viel Verkehr. Das Navi versprach zwar eine angenehme Fahrzeit, verschwieg aber grosszügig, dass gefühlt halb Polen dieselbe Idee hatte wie wir. Immer wieder stockte es, und auf einer einspurigen Strasse mit Mittelleitplanke tauchte plötzlich von hinten ein Krankenwagen mit Blaulicht auf. Zum Glück entdeckten wir gerade noch rechtzeitig eine kleine Ausweichbucht und konnten Platz machen. Der Krankenwagen verschwand blitzschnell, während wir uns wieder gemütlich in den Stau einreihten. Irgendwann – gefühlt drei Tage später – erreichten wir endlich Danzig. Unser erster Stellplatz im Hafen war allerdings komplett voll. Dort wartete bereits ein Kastenwagen mit Zürcher Nummernschild hoffnungsvoll auf ein Wunder. Wir schauten uns den Platz kurz an und waren uns ziemlich schnell einig: Selbst wenn noch etwas frei geworden wäre, hätten wir uns dort wahrscheinlich wie Sardinen in der Dose gefühlt. Also fuhren wir lieber weiter zu einem anderen Stellplatz etwas ausserhalb. Dort erwartete uns das komplette Gegenteil: Platz ohne Ende. Die Anmeldung befand sich allerdings in einem Sportcampus etwa 200 Meter entfernt. Cornelia marschierte los, erledigte den Check-in und kam mit einem Türöffner zurück. Nun durften wir offiziell das Tor bedienen – ein kleiner Moment, in dem man sich fast wie ein VIP fühlte. Danach füllten wir noch unseren Frischwassertank auf. Das Wasser hatte ungefähr so viel Druck wie ein alter Gartenschlauch kurz vor der Pensionierung, aber irgendwann war der Tank trotzdem voll. Anschliessend stellten wir unser Wohnmobil auf die grosse Wiese und genossen erst einmal die Ruhe. Während Cornelia das Mittagessen kochte, hielt ich einen kleinen Powernap. Schliesslich muss jemand ausgeruht sein, falls Googel Maps später wieder kreative Ideen bekommt. Es gab Poulet mit Teigwaren und danach machten wir uns auf den Weg, Danzig zu erkunden. Ehrlich gesagt waren unsere Erwartungen nicht besonders hoch. Alles, was wir bisher in Polen gesehen hatten, war zwar schön gewesen, aber noch nichts, was uns komplett vom Hocker gehauen hätte. Doch bereits wenige Minuten nach dem Aussteigen aus dem Tram wurden wir eines Besseren belehrt. Die Altstadt war einfach wunderschön. Überall farbige Häuser, prächtige Fassaden und unzählige Backsteingebäude. Wir spazierten durch enge Gassen, besichtigten mehrere Kirchen und zündeten in der grossen Marienkirche wieder Kerzen an. Danach schlenderten wir über den Langen Markt, wo sich Restaurants, Cafés, Souvenirläden und Touristen gegenseitig Konkurrenz machten. Natürlich schauten wir auch wieder in den einen oder anderen Souvenirladen hinein. Man muss ja schliesslich kontrollieren, ob man wirklich nichts braucht. Anschliessend liefen wir weiter bis zur Insel. Dort fühlten wir uns plötzlich wie in Hamburg. Dieselben Backsteinhäuser, dieselbe Architektur und sogar die modernen Gebäude waren perfekt an den alten Stil angepasst. Für einen Moment mussten wir fast kontrollieren, ob wir nicht versehentlich die Landesgrenze überquert hatten. Wir spazierten einmal über die Insel und anschliessend am Kanal entlang wieder zurück. Dort entdeckten wir ein gemütliches Restaurant direkt am Wasser. Wir bestellten ein Bier, einen Mojito und teilten uns eine Thunfischpizza. Die Pizza war hervorragend. Danach spazierten wir noch bis zu einem Steg, machten ein paar Fotos und schlenderten anschliessend gemütlich durch weitere Gassen zurück Richtung Altstadt. Am Stadttor gingen wir noch schnell in einen Rossmann einkaufen. Auf dem Rückweg zur Tramstation fiel uns auf, wie modern dieser Teil von Danzig wirkt. Grosse Einkaufszentren, neue Gebäude und breite Strassen – irgendwie passte hier alles erstaunlich gut zusammen. Mit dem Tram ging es schliesslich zurück zum Wohnmobil. Dort suchten wir noch die Duschen des Sportgeländes, fanden sie sogar, entschieden aber, dass diese auch morgen noch dort stehen würden. Mittlerweile war es fast 21 Uhr. Also liessen wir den Tag gemütlich mit etwas YouTube ausklingen. Rückblickend hatte uns Danzig sehr positiv überrascht.
4. Juli 2026
Heute hiess es Abschied nehmen von Danzig und Kurs setzen Richtung Marienburg. Der Morgen fühlte sich allerdings eher nach Herbstreise als nach Sommerreise an. Draussen pfiff ein kräftiger Wind und bei gerade einmal etwa 16 Grad beschlossen wir einstimmig, dass das Frühstück heute ausnahmsweise drinnen stattfindet. Selbst der Kaffee hätte draussen vermutlich versucht davonzufliegen. Nach dem Frühstück stand wieder einmal unsere hochprofessionelle Finanzabteilung auf dem Programm – sprich: Buchhaltung. Irgendjemand musste ja schliesslich den Überblick behalten, wie viele Zloty bereits in Essen, Campingplätze und spontane «Das brauchen wir unbedingt!»-Einkäufe investiert worden waren. Danach machten wir das Wohnmobil startklar. Cornelia brachte noch unseren Toröffner zurück und schon hiess es: Tschüss Danzig! Wir hätten hier problemlos noch einen weiteren Tag verbringen können, aber unser innerer Kompass zeigte inzwischen hartnäckig nach Norden. Also folgten wir ihm. Die Fahrt aus der Stadt verlief erstaunlich problemlos. Wir erwischten sämtliche Abzweigungen richtig, was bei uns und gleichzeitig funktionierendem Garmin fast schon als kleines Wunder gilt. Nach einem Stück Autobahn ging es wieder gemütlich über Landstrassen weiter Richtung Marienburg. Der Wind blies noch immer kräftig, doch wenigstens blieb es trocken. Am Campingplatz angekommen bezahlten wir unsere 100 Zloty – selbstverständlich bar, denn Kartenzahlung wäre ja viel zu einfach gewesen – und suchten uns einen schönen Platz direkt an einem kleinen See mit herrlicher Aussicht auf die gewaltige Marienburg. Besser hätte man sie fast nicht inszenieren können. Während ich noch mein Tagebuch nachführte, bereitete Cornelia bereits das Mittagessen vor. Es gab Salat, Salzkartoffeln und ein feines Steak vom Grill. So langsam entwickelten wir uns zu richtigen Camping-Gourmets. Gut gestärkt machten wir uns anschliessend auf den Weg zur Burg. Zuerst spazierten wir gemütlich um den kleinen See beim Campingplatz und überquerten danach eine Fussgängerbrücke. Obwohl die Brücke aussah, als könnte sie problemlos einen kleinen Panzer tragen, schwang sie bei jedem Schritt leicht mit. Offenbar wollte sie uns schon einmal auf das Mittelalter einstimmen. Bei der Burg angekommen begann das erste Abenteuer: den Ticketschalter finden. Natürlich befand sich dieser nicht etwa beim Eingang, sondern gefühlt einmal komplett rund um die Burg. Nachdem wir unsere Eintrittskarten gekauft und die Audioguides abgeholt hatten, begann endlich der Rundgang. Bereits ausserhalb der Burg gab es zahlreiche spannende Informationen. Danach betraten wir das Innere der gewaltigen Anlage. Ein Raum folgte dem nächsten. Man lief durch Gänge, Höfe, Treppenhäuser und Säle und fragte sich zwischendurch ernsthaft, ob hier früher überhaupt jemand den Weg zur Toilette wieder gefunden hatte. Die riesigen Festsäle beeindruckten uns besonders. Früher wurden hier grosse Feste gefeiert, heute bestaunten Touristen die nackten Mauern und stellten sich vor, wie das wohl einmal ausgesehen haben musste. Möbel gab es kaum noch, dafür jede Menge Geschichte. Dazwischen besuchten wir Sonderausstellungen über Bernstein, Ritterrüstungen und Waffen. Man lernte erstaunlich viel und fühlte sich zwischendurch fast selbst wie ein Ritter – nur mit deutlich bequemeren Schuhen. Besonders gefiel uns einer der kleineren Festsäle, der früher im Sommer genutzt wurde. Dort steckte tatsächlich noch eine alte Kanonenkugel in der Wand. Offenbar hatte damals jemand beschlossen, etwas energischer anzuklopfen. Nachdem wir die Vorburg erkundet hatten, ging es über eine Zugbrücke weiter in die Hochburg. Dort lebten früher die Geistlichen. Auch hier führte uns der Rundgang wieder durch unzählige Räume, Treppen und Innenhöfe. Plötzlich stand sie vor uns: eine extrem schmale, niedrige Wendeltreppe. Schon beim Hinsehen bekam man leicht Platzangst. Wir brauchten eine Gedenksekunde und ein kurzer Stopp, um uns dann tapfer hinaufzugehen. Zum Glück dauerte der enge Abschnitt nur wenige Stufen, danach wurde es wieder angenehm luftig. Irgendwann nach weiteren Räumen, erreichten wir wieder den Innenhof, überquerten erneut die Zugbrücke und beendeten den Rundgang schliesslich beim Shop. Natürlich überlebten wir auch diesen, ohne das halbe Sortiment mitzunehmen. Nach so viel Mittelalter hatten wir noch Lust auf einen kleinen Spaziergang. Deshalb marschierten wir dem Fluss entlang. Die Promenade war wunderschön gestaltet, mit vielen Bänken und einer herrlich entspannten Atmosphäre. Kurz vor einer grossen Brücke entdeckten wir noch einen Turm. Voller Erwartungen liefen wir hinauf. Oben angekommen stellten wir allerdings fest, dass der Turm ungefähr so spektakulär war wie eine Bushaltestelle mit Aussicht. Also machten wir ein Foto aus der Distanz und gingen wieder zurück. Über die grosse Brücke wechselten wir auf die andere Flussseite und spazierten gemütlich Richtung Campingplatz. Kurz vorher kamen wir noch durch das kleine Dorf und kauften in einem Laden ein paar Getränke ein. Schliesslich mussten wir unseren Flüssigkeitshaushalt auf wissenschaftlich hohem Niveau halten. Zurück beim Wohnmobil sassen wir noch eine Weile draussen. Der Wind war allerdings so kühl, dass er uns langsam überzeugte, nach drinnen umzuziehen. Also wurde das Abendessen kurzerhand ins Wohnmobil verlegt. Vorher gönnten wir uns beide noch eine warme Dusche, was sich bei diesem Wind fast wie ein kleiner Wellnessurlaub anfühlte. Den Abend liessen wir danach gemütlich mit etwas YouTube ausklingen. Rückblickend war es wieder ein herrlicher Reisetag: Wir überlebten die Finanzabteilung, fanden trotz Garmin sämtliche richtigen Abzweigungen, erkundeten die grösste Backsteinburg der Welt, bezwangen eine mittelalterliche Mini-Wendeltreppe, ohne stecken zu bleiben und lernten, dass selbst Kanonenkugeln manchmal einfach für mehrere hundert Jahre in einer Wand stecken bleiben.
5. Juli 2026
Heute stand ein klassischer Fahrtag auf dem Programm. Unsere Polen-Abenteuer waren fürs Erste abgeschlossen und der Kompass zeigte nun eindeutig Richtung Litauen. Das Wetter spielte dabei perfekt mit. Es war wechselhaft, teilweise regnerisch und damit genau richtig für einen Tag, an dem man ohnehin hauptsächlich aus der Frontscheibe schaut. Ein weiterer grosser Pluspunkt: Es war Sonntag. Das bedeutete fast keine Lastwagen auf den Strassen – ein wahrer Luxus, den man als Wohnmobilfahrer sehr zu schätzen weiss.
Der Morgen begann wie fast immer. Den ersten Kaffee konnten wir noch gemütlich draussen geniessen. Für das Frühstück war es dann allerdings doch etwas zu frisch, weshalb wir uns lieber ins warme Wohnmobil verzogen. Während ich langsam wach wurde, telefonierte Cornelia noch mit ihrer Mutter und später mit Thomas. Danach hiess es: Alles verstauen, alles verriegeln und das rollende Zuhause wieder fahrbereit machen.
Vor der Abfahrt entsorgten wir noch das Grauwasser und füllten den Frischwassertank auf. Danach ging es über dieselbe Strecke wie gestern zurück zur Autobahn. Die ersten Kilometer verliefen völlig entspannt. Die Autobahn war angenehm leer, wir hörten Podcasts und kamen richtig gut voran. Irgendwann wechselten wir uns beim Fahren ab und die Autobahn verwandelte sich später in eine einspurige Schnellstrasse.
Zur Mittagszeit wurde es Zeit für eine Pause. Eigentlich eine einfache Aufgabe: Parkplatz suchen, essen, weiterfahren. Theoretisch jedenfalls.
Der erste Parkplatz war offenbar so gut versteckt, dass wir ihn schlicht nicht fanden. Also wenden. Beim zweiten Versuch fanden wir zwar etwas – allerdings einen Campingplatz. Dort wollten wir nun wirklich nicht für eine halbe Stunde Mittagessen einziehen, also fuhren wir elegant vorbei, wendeten erneut und starteten den dritten Anlauf. Aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Diesmal fanden wir tatsächlich eine Tankstelle mit einem grossen Parkplatz. Mission erfüllt. Es gab ein kaltes Mittagessen aus dem Kühlschrank, das zwar keine Sterne vom Gourmetführer bekommen hätte, uns aber bestens schmeckte.
Danach führte die Strecke weiter durch den Nordosten Polens. Die Strasse wurde plötzlich schmaler und auch der Belag hatte seine besten Jahre offensichtlich schon hinter sich. Teilweise fragte man sich, ob der Asphalt freiwillig dort lag oder einfach irgendwann aufgegeben hatte. Nach einigen Kilometern beruhigte sich die Lage aber wieder. Die Fahrbahn wurde breiter und deutlich angenehmer.
Immer wieder tauchten Schilder auf, die vor Elchen warnten. Sofort wurde aus uns ein eingespieltes Safari-Team. Jeder Waldrand wurde aufmerksam beobachtet. Hinter jedem Busch könnte schliesslich ein Elch stehen. Leider hielten sich die Elche heute konsequent an ihren freien Tag und liessen sich nicht blicken.
Für etwas Unterhaltung sorgte dafür ein Lexus-Fahrer. Er war überzeugt, uns unbedingt überholen zu müssen – genau in dem Moment, als Gegenverkehr auftauchte. Die Idee war ungefähr so brillant wie Grillieren im Gewitter. Zum Glück merkte er seinen Fehler rechtzeitig, scherte wieder hinter uns ein und hielt danach einen Sicherheitsabstand, der vermutlich auch für ein startendes Flugzeug gereicht hätte.
Am Nachmittag erreichten wir Elk. Den ersten vorgesehenen Parkplatz schauten wir uns kurz an, entschieden aber ziemlich schnell, dass dieser nichts für uns war. Einige Fahrzeuge standen dort quer über mehrere Parkfelder verteilt. Tagsüber auf einem riesigen Parkplatz vielleicht noch verständlich, zum Übernachten fanden wir das aber eher unpassend. Also fuhren wir weiter.
Unterwegs tankten wir zuerst noch Diesel und legten wenig später gleich noch einen zweiten Tankstellenstopp ein – diesmal allerdings nicht fürs Wohnmobil, sondern für unseren Getränkevorrat. Schliesslich müssen Prioritäten gesetzt werden.
Danach erreichten wir unseren eigentlichen Stellplatz. Das Eingangstor war zwar geschlossen, doch noch bevor wir überlegen konnten, was nun, kam uns eine nette Dame aus Deutschland entgegen. Ganz entspannt erklärte sie: «Einfach das Tor aufschieben und später bei der Rezeption anmelden.» Gesagt, getan. Manchmal sind die einfachsten Lösungen eben tatsächlich die richtigen.
Wir fanden einen richtig schönen Platz am Rand des Geländes und meldeten uns anschliessend in der Rezeption an. Diese befand sich in einem Gebäude mit Sportanlagen, Volleyballfeldern und allem, was dazugehört. Die Übernachtung kostete 100 Zloty und war den Platz definitiv wert.
Natürlich mussten wir die Umgebung noch erkunden. Ein kleiner Holzsteg führte hinaus zu einem kleinen Aussichtsturm und da wir praktisch auf einer kleinen Halbinsel standen, war Wasser in fast jeder Richtung zu sehen. Schon den ganzen Tag waren wir durch die berühmte polnische Seenlandschaft gefahren. Die vielen Seen erinnerten uns fast ein wenig an Finnland – zumindest, solange man nicht genauer auf die Bäume schaute. Statt endloser Nadelwälder dominierten hier nämlich Laubbäume.
Zurück beim Wohnmobil stellten wir noch die Stühle hinaus und genossen eine Weile den herrlichen Blick auf den See. Doch die Wolken wurden immer dunkler und schienen sich langsam gegen uns zu verschwören. Bevor sie ihre Drohung wahr machten, verzogen wir uns lieber wieder ins Trockene.
Während draussen das Wetter zwischen Regen, Wolken und ein paar freundlichen Minuten hin und her wechselte, wurde es drinnen richtig gemütlich. Ich schrieb wie gewohnt Tagebuch, während Cornelia feine Spaghetti mit vegetarischer Sauce kochte. Nach dem Abendessen liessen wir den Tag ganz entspannt mit etwas YouTube ausklingen.
6. Juli 2026
Heute hatten wir tatsächlich den ehrgeizigen Plan, früher loszufahren. Der Plan war hervorragend – nur unser Frühstück hatte offenbar andere Vorstellungen. Bis der Kaffee genüsslich getrunken und das Frühstück gemütlich verspeist war, hatte die Uhr wieder ordentlich aufgeholt. Trotzdem rollten wir gegen 9.30 Uhr vom Platz.
Der erste Halt führte uns zum Einkaufen. Dort wurden wir allerdings gleich auf eine erste Geduldsprobe gestellt: Die Leergutmaschine hatte beschlossen, heute zu streiken. Nach einer kurzen Zwangspause und einer gründlichen Reinigung durch das Personal erwachte sie glücklicherweise wieder zum Leben und nahm unsere Flaschen endlich entgegen. Im Laden deckten wir uns noch mit ein paar Vorräten ein.
Da sich in unseren Taschen noch erstaunlich viel Kleingeld versteckte, entdeckten wir auf dem Parkplatz einen Früchtehändler. Perfekt! Also wechselten ein paar Münzen den Besitzer und wir dafür Kirschen, Himbeeren und Pflaumen. Doch zu unserem Erstaunen klimperten danach immer noch rund 30 Zloty in der Hosentasche herum. Dieses Problem musste selbstverständlich gelöst werden.
Direkt gegenüber stand eine Autowaschanlage. Geniale Idee: Das restliche Bargeld wird in ein blitzsauberes Wohnmobil investiert! Die Theorie war hervorragend. Die Praxis eher weniger. Der Wasserstrahl hatte ungefähr den Druck einer müden Giesskanne. Unser Wohnmobil wurde leicht angefeuchtet und hatte danach vermutlich einfach denselben Schmutz – nur gleichmässig verteilt. Immerhin war das Bargeld erfolgreich vernichtet.
Danach ging es endgültig zurück auf die Autobahn Richtung Litauen. Unterwegs fielen uns immer wieder riesige Landmaschinenhändler und Werkstätten auf. Die Traktoren und Anbaugeräte sind hier beeindruckend gross. Einige Maschinen würden auf Schweizer Feldwegen vermutlich schon beim Einbiegen stecken bleiben.
Die Grenze nach Litauen erreichten wir wenig später. Für uns verlief der Grenzübertritt völlig problemlos – keine Kontrolle, kein Anhalten, einfach weiterfahren. Auf der Gegenfahrbahn sah das deutlich anders aus. Richtung Polen staute sich der Verkehr, weil dort kontrolliert wurde. Da waren wir wohl genau auf der richtigen Seite unterwegs.
Kurz nach der Grenze legten wir an einer Tankstelle unsere Mittagspause ein. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Zwischenstopp werden. Wirklich nur kurz. Doch unsere Clesana hatte offenbar andere Pläne und begrüsste uns mit der wenig vertrauenserweckenden Meldung Fehler E18. Übersetzt hiess das: Die Folie hatte beschlossen, sich innig mit den Walzen anzufreunden und diese Beziehung auch nicht so schnell wieder aufzugeben.
Also wurde aus der kurzen Pause spontan eine Operation am offenen WC. Mit vereinten Kräften, etwas Fingerspitzengefühl und einer Portion gutem Zureden gelang es uns tatsächlich, die eingeklemmte Folie aus den Walzen zu befreien. Die Clesana atmete wieder auf – und wir ehrlich gesagt auch.
Der kleine Schock blieb allerdings noch eine Weile. Schliesslich merkt man erst, wie wichtig eine funktionierende Toilette ist, wenn sie plötzlich beschliesst, in den Streik zu treten. Zum Glück endete der Arbeitskampf ohne bleibende Schäden und unser stilles Örtchen nahm den Betrieb wieder ganz offiziell auf.
Eigentlich hatten wir uns innerlich schon auf einen klassischen Tankstellen-Hotdog eingestellt. Leider hatte die Tankstelle offenbar andere kulinarische Vorstellungen. Also blieb der Kühlschrank im Wohnmobil unser bester Freund. Brot, Päcklifleisch und Käse – einfach, unkompliziert und erstaunlich lecker.
Anschliessend zeigte Garmin wieder einmal seine kreative Seite. Anstatt uns einfach rechts zurück auf die Autobahn zu schicken, war er überzeugt, dass wir unbedingt noch einen kleinen Rundfahrt durch die litauische Landschaft machen sollten. Links abbiegen, zehn Kilometer Umweg und ein paar zusätzliche Minuten später standen wir praktisch wieder dort, wo wir vorher gewesen waren. Danke, Garmin – die Landschaft war wirklich hübsch.
Am Nachmittag erreichten wir Kaunas. Die Fahrt in die Stadt verlief problemlos, doch unser sorgfältig ausgesuchter Parkplatz entpuppte sich als wenig wohnmobiltauglich. Parallel zur Strasse mit unserem breiten Fahrzeug? Lieber nicht. Für einen Kastenwagen wäre das kein Problem gewesen, für uns fühlte es sich nicht gut an.
Zum Glück entdeckten wir kurz vorher einen anderen Parkplatz mit nach hinten offenen Stellplätzen – wie extra für Wohnmobile gemacht. Das Bezahlen sorgte nochmals kurz für Stirnrunzeln, bis wir bei Park4Night den Hinweis auf die passende App fanden. App installiert, bezahlt und schon konnten wir ganz offiziell parken.
Über eine grosse Brücke spazierten wir in die Altstadt. Gleich zu Beginn kamen wir an einer schönen Kirche vorbei und erreichten wenig später den grossen Rathausplatz. Das Rathaus sieht tatsächlich ein bisschen aus wie eine Kirche – vermutlich geht es nicht nur uns so. Rundherum reihten sich Restaurants und Cafés aneinander, sodass der Platz richtig lebendig wirkte.
Nach einer kleinen Pause spazierten wir weiter zur Burg. Von einer riesigen Festungsanlage konnte zwar keine Rede sein, aber der erhaltene Turm mit der langen Mauer hatte durchaus seinen Charme. Daneben standen der grosse Schriftzug «Kaunas» und eine eindrucksvolle Reiterstatue, die natürlich ebenfalls fotografiert werden musste.
In unmittelbarer Nähe fiel uns noch ein grosses Gebäude mit einem riesigen Wandgemälde auf. Darauf war ein sitzender Mann dargestellt – ein Kunstwerk, das man kaum übersehen konnte.
Anschliessend ging es zurück in die Altstadt und in die beeindruckende Kathedrale. Innen erwarteten uns prachtvolle Farben, wunderschöne Verzierungen und als besonderes Highlight spielte gerade die Orgel. Mit dieser musikalischen Begleitung wirkte der Besuch gleich noch einmal viel eindrucksvoller.
Danach spazierten wir ein Stück über die lange Einkaufs- und Restaurantstrasse, die angeblich die längste Einkaufsstrasse Osteuropas sein soll. Ob das stimmt, können wir nicht abschliessend beurteilen. Nach ungefähr 500 Metern fanden wir nämlich, dass wir unseren Beitrag zur Vermessung dieser Strasse geleistet hatten, und bogen stattdessen zum Fluss ab. Entlang des Ufers liefen wir gemütlich zurück bis zur Brücke und schliesslich wieder zu unserem Wohnmobil.
Nun ging es weiter Richtung Kreuzhügel, den wir morgen besuchen möchten. Für die Nacht hatten wir uns einen Übernachtungsplatz auf einem ehemaligen Sportgelände aus Sowjetzeiten ausgesucht. Schon die Zufahrt war ein kleines Abenteuer: steil bergab, schmal und einspurig. Unten angekommen drehten wir erst einmal eine halbe Ehrenrunde ums Stadion.
Gleich am Anfang stand bereits ein Walliser mit seinem Wohnmobil. Der Platz daneben wäre zwar schön gewesen, aber wir wollten ihm nicht gerade auf die Pelle rücken. Also fuhren wir noch etwas weiter und setzten uns rückwärts auf eine Wiese direkt in die Nähe eines kleinen Bachs. Ein traumhafter Stellplatz! Die Wiese fühlte sich schön fest an und selbst etwas Regen sollte hier kein Problem darstellen.
Natürlich musste die Umgebung noch erkundet werden. Eine kleine Hängebrücke führte auf die andere Flussseite. Ob sie wirklich stabil gewesen wäre? Diese wissenschaftliche Untersuchung haben wir grosszügig zukünftigen Besuchern überlassen.
Das Stadion selbst hatte seine Glanzzeiten wohl schon vor vielen Jahren erlebt. Es wirkte ziemlich verlassen und etwas in die Jahre gekommen, bot aber gerade deshalb einen interessanten Fotohintergrund. Ein paar Bilder später verzogen wir uns ins warme Wohnmobil.
Draussen blieb es stark bewölkt und überraschend kühl. Drinnen war es dafür umso gemütlicher. Ich schrieb Tagebuch, während Cornelia feine Rösti mit Würstchen und Salat zauberte. Nach dem Nachtessen wanderte ich nochmals an den Laptop beziehungsweise ins Tagebuch, Cornelia drehte noch eine kleine Abendrunde, und zum gemütlichen Ausklang des Tages schauten spilten wir noch diverse Spiele und schauten gemeinsam noch etwas YouTube.
Wir informieren hier und auf anderen Kanälen, was wir so erleben auf unserer Reise.
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